Bericht von Edmund "Ed" Hartsch

Vaya Con Tioz

25 Jahre Böhse Onkelz – Der Abschied

Ein Bericht von Edmund „Ed“ Hartsch

(Autor „Danke für Nichts“)

Nachdem ich nun zwei Tage über dieses unermessliche Gelände gelaufen bin und für

lange Stunden das Gefühl hatte, dass ich es nicht wirklich in Worte werde fassen können

– und für wen auch, sind doch sowieso alle hier, oder auf dem Weg hierher – überkam

mich heute Abend beim Sonnenuntergang ein seltsames Gefühl, eine wirklich tief

empfundene Gewissheit. Während ich so hinten auf dem Quad sitzend an den endlosen

Schlangen von Autos und Wohnmobilen jeglicher Bauart vorbei fuhr, wurde mir mit

einem Schlag bewusst, dass es sich hier nicht nur um eine Band handelt, die ihr

Abschiedskonzert gibt, sondern um viel mehr. Viel, viel mehr. Was hier stattfindet ist der

totale Rock´n Roll Kult. Aber ich will nicht vorweg greifen. Ich war heute Mittag zunächst

der Meinung, dass ich mir hier Zeit lassen und alles in mich aufnehmen sollte. Es sei

egal, dachte ich mir, ob ich nun heute oder morgen etwas ins Netz stelle, aber das war

ein Denkfehler. Es sind eben nicht alle hier, sondern es gibt mehr als 80.000 Onkelzfans,

die an diesem Wochenende nicht dabei sein können und für genau die möchte ich heute

Abend noch ein paar Worte finden und versuchen das Unbeschreibliche zu beschreiben.

Ich wähle dazu eine stichwortartige Aufzählung, eine Aneinanderreihung von Gedanken,

Bildern und Schnappschüssen. Ich möchte es spontan halten, echt und unverfälscht. Das

Ausmalen überlasse ich Eurer Phantasie, ok?

Piratenflaggen an Fahnenmasten, ein Meer aus Wohnmobilen, Zelten und Autos, Zäune,

hunderte, tausende Metern von Zäunen, Zäune die in Betonblöcken stehen,

Securityposten, Kontrollen, breite Schultern, schwarze Hemden, Sonnenbrillen, ein

endloser Treck von Onkelznomaden, aufgerollte Schlafmatten unter dem Arm, einer

verliert die Nerven und tritt seinen Rucksack, Zelte über Zelte, Grillerei, Rauchfahnen,

Leute haben ihre Wohnzimmergarnitur mitgebracht, Boxen, Liegestühle, Sofas, Kippen

und Bier, da steht einer und raucht in aller Ruhe eine 1,50 hohe Wasserpfeife mit einem

Sombrero auf dem Kopf, noch mehr Boxen, dort ein desolates Camp mit Technomusik,

druff seit gestern Abend, jetzt in der prallen Sonne, Kiefer knirschen, die Alte liegt mit

ihrer Luftmatratze im Staub, 50cm vor der dröhnenden Box, weggebrochen, eingepennt,

so schön kann Vorfreude sein, weiter, entlang endloser Autoschlangen im Stau, mein

Fahrer fährt das Quad den Radweg entlang, ich muss grinsen, Leute schieben ihre Autos,

Bierflaschen auf dem Autodach wackelnd, Leute sitzen biertrinkend auf den Dächern

fahrender Autos und fahren an den Bullen vorbei, Federball, die spielen mittendrin

Federball, noch mehr Rauchfahnen, Kotelett auf dem Grill, der Typ, Kippe im Mund,

Bierflasche in einer Hand, Grillzange in der anderen, Duschcamps, Leute mit Waschzeug

unter dem Arm, hunderte, Gieskannen, Eimer mit Wasser tragend, Flüchtlingscamp,

Afghanistan, auf der Flucht vor was, dem Alltag? keine Ahnung, auf alle Fälle auf der

Flucht vor irgendetwas, noch mehr Vorfreude, die Luft knistert und es ist erst Donnerstag

Nachmittag, BOB-Dosen, aufgeblasene BOB-Dosen, 6m hoch, 25% der Dosen sind schon

weg, sie tragen es pallettenweise davon, Hamsterkäufe, einer kommt und fragt was eine

ganze Europallette BOB kostet, 4500,-€, er zahlt erstmal cash und überlegt sich dann,

wie er die Pallette, die jetzt ihm gehört, dort wegbekommt, jetzt ins Infield mit dem

Quad, Formel Eins Rennstrecke, gestern hat mein Chef seinen Jaguar E-Type hier mal

ganz kurz auf 190 hochgerissen, ich auf dem Beifahrersitz und dann gesehen, dass dort

hinten auch schon wieder ein Zaun steht, runterbremsen, Reifen quietschen, heute vor

der Bühne gestanden, das ist keine Bühne, das ist ein Monstrum, 75m breit, 15m hoch,

Vaya con Tioz – Deko, Leinwände, heute hier 6x an Türmen aufgehängt allein im

Innenraum und zusätzlich an der Bühne, am Nachmittag nur Testbild, bald ist

Soundcheck um 16:00, da kommt die Band aus Berlin, die brauchen bestimmt eine

Polizieeskorte, ich selber brauche einen Mediamarkt, ab nach Dresden, Verkehr hält sich

noch in Grenzen, auf dem Rückweg wird´s dann eng und ich flutsche gerade noch mal so

durch, am Abend geht auf der Autobahn nichts mehr, sie spielen Fußball auf der Strasse,

grillen auf dem Seitenstreifen, totales Chaos und dennoch funktioniert es, alles wegen

einer Band, Soundcheck, tausende stehen an den Zäunen, Personal steht vor der Bühne,

Onkelz 2000 wird geprobt, ich mache auf der Bühne Fotos, Band gut gelaunt, nach einer

Stunde ist alles gelaufen, Sound steht, blauer Himmel, Sonnenuntergang, Blechlawinen,

die kein Ende nehmen, es hört nicht auf, es wird nicht weniger, Massen an Menschen und

Material, eine logistische Meisterleistung, Polizeihubschrauber, Thomas Hess mittendrin,

alle Einsatzfahrzeuge haben „Einsatzfahrzeug“ auf der Windschutzscheibe stehen, sein

Einsatzfahrzeug hat „UNLOVED“ auf der Windschutzscheibe stehen, erstaunlich ruhig der

Hess, routiniert im Chaos, im Wahnsinn, im Strudel, Bullen an den Kreuzungen, im

Hemd, schwitzend mit Megaphonen, leiten sie den ganzen Tag den Verkehr von links

nach rechts und umgekehrt, im Sonnenuntergang lässt sich einer vom 50m Bungee Turm

fallen, Onkelzmusik im Funpark, Tausende stehen einfach nur rum und schauen auf das

leere, weite Feld vor der Bühne, Telefonnetz ist schon seit Stunden überlastet, ich habe

24 neue Anrufe, kann aber meine Mailbox nicht erreichen, macht ja nix, laufen lassen,

ich kann nichts mehr tun, ich kann es nur noch laufen lassen und schauen was passiert,

morgen, ich bin gespannt, aufgeregt, die letzte Show, ich kann es einfach nicht fassen...

Armageddon über der Lausitz. Heute habe ich das größte Rock´n Roll Erlebnis meines

Lebens mit ansehen dürfen. „Unverpassbar“ ist die neue flugs erfundene Vokabel. Was so

viel bedeutet, wie „das kann und darf nicht verpasst werden“. Der Machine Head Sänger

Robert Flynn bringt´s am Ende seines Sets auf den Punkt, als er den Onkelzfans

zuprostet und sagt:

„This is fucking history! Are you aware that this is history? Look at this!“

Dieses Wochenende wird laut der Meinung diverser anwesender Musikexperten in die

ungeschriebene Geschichte des Rock´n Rolls eingehen, als das fetteste Konzert einer

deutschen Band, jemals. Es tut mir leid, wenn ich mich hier wiederhole oder jeden nur

denkbaren Superlativ auf das Äußerste strapaziere, aber was soll ich sonst sagen? Gegen

das, was die Onkelz hier abziehen, kann einfach keine andere Band anstinken. Vergiss

es. Wer denn? Das war wirklich Geschichte und ich bin dankbar, dass ich dabei sein

durfte. Soviel vorweg, nun der Reihe nach.

Die versprochene Sonne blieb aus. Schon gegen Mittag zog sich der Himmel zu und

starke Windböen machten den 50-80.000 zeltenden Nomaden zu schaffen. Autobahn?

Keine Chance, dicht bis Cottbus im Norden und Dresden im Süden. Die Bullen im

Dauereinsatz, Krankenwagen mit Blaulicht und im Infield lassen die Speedfreaks langsam

ihre Dragster und Muscle Cars heiß laufen. Kaum zu glauben, wie laut diese Dragster

sind. Die Luft dröhnt und der Sound wird von der schon fett gefüllten Haupttribüne

mehrfach zurück geworfen. Dort herrscht Hochstimmung und die Racer werden

begeistert abgefeiert. Die mobile Zeitnahme steht und Peter Ritscher, der Onkelz

Dragster Pilot hat die ganze Szene mobilisiert, um hier eine wirklich beeindruckende

Show abzuziehen. Zunächst hatten sich ja nicht allzu viele Interessenten zu unserem

Fanrennen angemeldet, aber als dann klar wurde, dass man so noch eine Chance haben

würde, das Konzert zu sehen, war das Starterfeld schnell mit 128 Teilnehmern gefüllt.

Und was für geniale Kreationen dort auf die Piste rollten. Ein Onkelz-Trabbi mit einer „28“

auf den Türen und satten 250 PS, eine gelbe Renn-Ente, ein Golf mit Flügeltüren, eine

Cobra, ein uralter 50er Jahre Käfer mit zwei Hippie-Piloten aus Essen, Mustangs und

Corvettes, Pick-ups und Mantas und eine ganze Reihe von professionellen Dragstern und

Topfuelern. Erst wurden die Karren paarweise an die Startlinie gebeten, um dann

zunächst einen dezenten Burnout hinzulegen und gleich danach wurde die Quarter-Mile

geballert. 8,7 Sekunden und 230 Sachen für den Onkelzdragster von Peter Ritscher ist

definitiv rekordverdächtig. Ich selber bin wegen wichtiger Termine nicht bis zum Ende

geblieben, aber werde mir morgen auf alle Fälle das Finale anschauen.

Zwischen Dragsterrennen und Vip-Check-in, wo es Gäste abzuholen galt, musste ich

noch kurz zum Fussi-Turnier und schauen, wie Bremen und Hessen spielen würden.

Hessen hat gleich mal die Saarländer mit einem deutlichen 3:0 geplättet und später noch

mit einem 7:0 gegen eine leicht desolate Schleswig-Holsteiner Auswahl überzeugt.

Bremen habe ich leider nicht mehr mitbekommen. Der Platz in Klettwitz liegt nett in

einem kleinen Waldstück versteckt, ungefähr 3km vom Ring entfernt und 250-300 Fans

haben tatsächlich den Weg dorthin gefunden und ihr Bundesland onkelzmäßig nach vorne

gepeitscht. Ralf Werner, der Onkelzfanclubleiter hatte bereits lange im Vorfeld geplant

und von den Onkelz ein Budget erhalten, von dem er Onkeltrikots für jedes Bundesland

entwerfen und herstellen ließ. Viel Mühe hatte er sich gemacht und die wurde hier durch

großen Einsatz und den Spielspaß der Kicker und ihrer Fans belohnt. Dumme Sprüche

und lustige Kommentare gab´s jedenfalls massenhaft. Das Wetter hätte besser sein

können. Mal sehen, was der nächste Tag bringt und ob Hessen sich noch weiter nach

vorne kämpfen kann.

Die Extrawürste, die dann immer noch für den ein oder anderen Gast gebraten werden

müssen, haben mich später leider in Zeitverzug gebracht, so dass ich Motörhead verpasst

habe und „Ace of Spades“ vom Auto aus hören musste. Die Band hatte einen Tag zuvor

ihr 30jähriges Bühnenjubiläum, das sie mit ein paar tausend Fans im Hammersmith

Odeon in London gefeiert hat. Was vielleicht auch erklärt, dass der Herr dann hier beim

Interview ein wenig wortkarg erschien. Da sieht man mal, was man einem Körper so

antun kann, ohne dass er zusammenbricht. Wer „white line fever“ gelesen hat, weiß

wovon ich rede.

„Fahrzeugschein, Führerschein bitte“ – „Was? Nicht dabei, na dann können Sie gleich

aussteigen und das Auto hier stehen lassen.“ Und das in Senftenberg am Bahnhof. Die

Polizei hier am Lausitzring ist nicht nur freundlich und zuvorkommend, sondern auch

hilfsbereit. Mit ein wenig nettem Geplauder, ein paar Annekdoten aus dem Onkelzalltag

und zehn Euro war auch diese Hürde überwunden.

Weiteste Anreise eines Fans: Da hätten wir einmal Massachusetts an der Ostküste. Ein

54jähriger Ami, der tatsächlich nur für das Konzert rüber gekommen ist, auf dass er sich

schon seit 5 Monaten freut, wie ein Kleinkind. Eine andere Dame ist doch glatt aus

Chicago eingeschwebt und weiterhin hätte wir da noch Kanada und Costa Rica zu bieten.

Und alle sind sich einig: „Fucking unbelievable“

(Nachtrag. Einer kam extra aus Argentinien)

Ein Wort zu den Fans. Selten habe ich so etwas gesehen. Ich fahre mit meinem Chef auf

dem Quad durch die Mengen und Leute machen Platz, gehen höflich beiseite. Die

Camping- und Parkplätze sind mit rot/weißem Flatterband abgeflattert. Kleine Holzkeile

halten das Band 10cm über dem Boden und markieren Zufahrtswege für Feuerwehr oder

Krankenwagen. Da laufen doch glatt tausende von Fans durch die Gegend, besoffen,

schwankend, Bier, Merchandise oder Fastfood balancierend und nicht einer stolpert oder

zerreißt das Band. Alle stoppen, schauen auf das Flatterband und steigen vorsichtig

darüber hinweg. Wo man hinhört, ob bei der Feuerwehr, den Bullen, dem Personal am

Lausitzring, dem Management des Eurospeedway, alle loben die Fans und die Stimmung

und sprechen von den Onkelz und ihrer Armee von Wahnsinnigen nur in den höchsten

Tönen. Das ist doppelt geil, weil die kleinen Kleckerblätter nix anderes zu vermelden

haben, als: „Es gab 3 Festnahmen“ oder „es wurde jemand mit 4 gefälschten Tickets

erwischt!“ Lächerlich. Von daher war es wieder einmal die richtige Entscheidung, einfach

alle Presseanfragen zu ignorieren und hier eine kleine Party im privaten Rahmen

abzufeiern.

Machine Head haben ein beachtliches Geknüppel abgeliefert und zeigten sich beeindruckt

von der Menge. Motörhead und ProPain sind ja schon alte Hasen in Sachen

Onkelzsupport, aber eine neue Band muss einfach schockiert und begeistert sein und

folglich machte Robert Flynn auch keinen Hehl aus seiner offensichtlichen Freude an der

gesamten Veranstaltung. Dass ich jedoch Discipline, D.A.D. und Motörhead verpasst

habe, nervt mich jetzt noch. Hauptsache ich bin heute bei Rose Tattoo am Start, sonst

kriege ich einen Anfall.

23:00 Uhr, Showtime Baby. 28 als Intro der ersten 12,5 Jahre und was passiert?

Natürlich fällt der Vorhang nicht, weil er sich wieder mal im Rigg verhakt hat. Kennen wir

doch noch von der 2000er Tour, der ewige Witz mit dem Scheißvorhang. Aber warum soll

auch immer alles glatt gehen? Die Stimmung – Vollgas, allerdings Westfalenhalle mal

acht oder Berlin Karlshorst mal vier, Loreley mal neun, Ihr könnt es Euch selbst

ausrechnen. Keiner, der nicht vollständig von den Socken, aus dem Häusschen, total

weggeflasht war. Die Onkelz in gewohnter Routine, aber mit dreifach aufgedrehter

Spiellaune. Gonzo im Cowboyhut, Kevin mit wehender Mähne, „28“, „zehn Jahre“,

„Bomberpilot“, „So sind wir“, „Religion“, „Ich lieb´mich“, ein Klassiker reihte sich an den

nächsten. Bei „Heute trinken wir richtig“ hüpften 100.000 Leute im Takt und mein

Schreibtisch im Bürogebäude hat tatsächlich gewackelt. Ich sagte es eingangs, ich bin

dankbar, dass ich das miterleben durfte und kann es nur noch einmal betonen. Es ist

ganz schwer diesem Ereignis mit Worten gerecht zu werden. Die Fans, besoffen, wie sie

waren, haben sich vorbildlich verhalten. Es gab krasseste Pogo-Pits und Leute, die

kotzend in die Rabatten geflogen sind, aber bei einer Veranstaltung dieser

Größenordnung, kann man sich nur darüber freuen, dass alles so woodstockig ablief. Man

stelle sich 100.000 Leute vor, die als das Konzert zu Ende ist, sich einfach umdrehen und

brav zu ihren Zelten gehen, obwohl sie noch kurz vorher bei Mexico komplett und

kollektiv am Rad drehten. Was noch? „Stunde des Siegers“ natürlich und auch mal wieder

„Falsche Propheten“ was ganz klar zu meinen Lieblingsonkelsongs gehört. Keine Ahnung,

vielleicht weil es zu meinen ersten Onkelzerfahrungen gehört und ich die Platte 87 immer

wieder hören musste.

Die Bühne? Wow, Wow, Wow. Die Gestalten aus Berlin, immer gut für einen Scherz oder

ein ausgeflipptes Design, lieferten die gesamten Vorlagen und Planungen, was die Deko

anging. Gewaltige aufblasbare BOSC Babyköpfe, Vaya con Tioz Banderolen, fliegende

zehn Meter lange Engelskelette, Konfettiregen. Ein junger Graphiker aus der Gestalten

Agentur (das erste mal auf einem Onkelzkonzert) sah plötzlich seine ganzen Entwürfe

und Designs, die er im Studio ins Reine gebracht hatte, hier am Ring zu monströser

Größe aufgeblasen und als Deko in den Himmel gehängt. Auf einem Roller fuhr er über

den Ring und hatte Tränen in den Augen, als er zurückkam. 01:30 Uhr, dann war´s

vorbei und der Käse gegessen. Die Band war kurz darauf schon per Shuttle in Richtung

Berlin unterwegs. Der Profi spart seine Energie bis zum letzten Tag, was bedeutet, das

heute Abend eine Schippe drauf gelegt werden muss. Das letzte Onkelzkonzert der

Welt...

Was steht heute noch auf der Agenda? Am Nachmittag müssen wir erstmal das hessische

Fußballteam zum Sieg peitschen und dann eine Runde Hubschrauber fliegen, worauf ich

mich besonders freue. Ich würde Euch gerne morgen ein Foto aus der Luft liefern, dass

ein wenig den Wahnsinn verbildlicht, der sich hier außerhalb meines Büros abspielt.

Draussen knallen gerade Psychopunch ihr Programm runter. Der Himmel ist wieder blau,

die Sterne scheinbar stehen günstig. Ein guter Tag um Rock´n Roll Geschichte zu

schreiben.

Noch was. Es soll eine Menge Leute gegeben haben, die haben vor Freude geheult.

Mache ich heute Abend auch mal, glaub´ ich...

Habe ich schon einmal gesagt, wie froh ich bin, mit dieser Scheiße endlich nichts mehr zu

tun haben zu müssen? Das Geschwür in meinem Magen nennt sich Journalist. Ich habe

zwei/drei Presseartikel zum Abschiedskonzert gelesen, die alle schlecht waren und vor

Recherchefehler nur so strotzten, so dass ich jetzt das Thema in aller Ruhe begraben

kann. 8 Jahre Pressearbeit, die nix, aber auch gar nix gebracht haben, außer der

Gewissheit, dass dort am Lausitzring (Tag 2) das größte und abgefahrenste Rock´n Roll

Spektakel abgezogen wurde, was Deutschland jemals gesehen hat. Es hat noch nie etwas

gegeben, was auch nur annähernd an dieses Ereignis herankam und es wird, da lege ich

meinen linke Hoden in die offene Flamme, auch in den nächsten zwanzig Jahren nichts

geben, was mit dem vergleichbar sein wird. Die Onkelz auf dem Lausitzring, Tag 2 wird

in die nicht geschriebene Geschichte eingehen und somit zur Legende werden. Dass

niemand von der Presse da war, weil niemand ein Ticket von uns bekommen hat, macht

es für mich nur noch umso genialer. Da reimen sie sich ihren Dreck zusammen und

können nach 25 Jahren Onkelz immer noch nicht Kevin von Stephan und Bass von

Gitarre und links von rechts unterscheiden. Armes Deutschland. Zeit zu geh´n, wirklich.

Jenseits der Kopfschüttelgrenze. Wir alle haben dort etwas erlebt, was nur uns gehört

und nicht zer-schrieben werden kann. Keiner dieser oberschlauen Onkelzkritiker kann

auch nur erahnen, was dort abging, kann noch nicht mal Worte finden, mit denen er es

schlecht machen könnte, denn was auch immer er schreiben wird... ha, ha, ha, ha, ha,

wir lachen!!

Der Gig selbst? Die Überraschungen in der Setlist waren für mich, „Entfache dieses

Feuer“, wunderschön vorgetragen von einem nicht zu bremsenden Kevin, der hier seine

Kräfte für den letzten Gig mobilisierte, „Leere Worte“ von der 98er VLT und natürlich

eines meiner absoluten Lieblingslieder „Das Messer und die Wunde“, 1993 von Stephan

für Trimmi´s Mörder geschrieben und noch nie live vorgetragen. Die Band, wie immer

Vollgas, was bei der Atmosphäre ja wohl kein Wunder sein dürfte. Pe, gut gelaunt als

Uhrwerk unterwegs, Stephan mit knalligen Ansagen und in bester Spiellaune, Kevin

brachialisch und mit den längst legendären Kevin Russell Tanzschritten.

Wie auch immer. Geh´n Sie auseinander, es gibt hier nichts zu sehen. Man kann es

wirklich kaum in Worte fassen, dieses Meer aus Armen und Händen, diese Euphorie und

diese totale Hingabe von beiden Seiten. 200.000 Hände im Takt und 200.000 Arme die

hin und hergehen und aus 100.000 Kehlen kommt ein Sturm an Begeisterung und

Dankbarkeit. Das Echo, das teilweise über den Platz flog, holte sich selber ein und trug zu

einer Stimmung bei, die eigentlich nur als eine Art Trance oder Rock´n Roll

Glückseeligkeit oder irgendetwas schwer definierbares in dieser Richtung bezeichnet

werden kann. „Massenpsychose“ unkt der eine, „Massenerweckung“ sage ich. Wäre ich

Stephan, würde ich vielleicht in die Guru-Branche wechseln, eine Sekte gründen und

mich anbeten lassen. Tatsache ist, dass es nicht einfach ist, mit dieser Masse an

heranbrausender Energie umzugehen und ich könnte mir vorstellen, dass man viele

Dinge, gerade als Künstler in diesem Fall gar nicht richtig mitbekommt, da man über die

Dauer des Konzertes auf einer solch enorm hohen Adrenalinwelle dahinrauscht, dass das

Gehirn fast platzt vor Dopamin- und Endorphinausschüttung. Es gab bei den nach hinten

versetzten Leinwänden (3 große Leinwände links und 3 große Leinwände rechts im

Publikum in hundert Metern Abstand nach hinten platziert) einige Delay-Schwierigkeiten,

die auch am zweiten Tag nicht abzustellen waren, so dass Bild und Ton nicht ganz

lippensynchron waren. Das Bild hinkte dem Ton um eine bis zwei volle Sekunden

hinterher. Nicht wirklich schlimm, aber eben auch nicht perfekt. Verspielt hat man sich

auch einige male, aber all das ist nicht wirklich wichtig und verblasst zu einem Nichts im

Hinblick auf den Gesamteindruck, den dieses Konzert bei allen, die da waren,

hinterlassen hat.

Man hat mir im Zuge meiner Berichterstattung schon mehrfach „chronisch positive

Betrachtung“ vorgeworfen. Damit das nicht wieder vorkommt, werde ich jetzt aufzählen,

was ich scheiße fand.

- Es waren einige asoziale Testosteronglatzen unterwegs, die einfach nur vollkommen

mongoloid die Leute aus dem Weg gepogt haben, ohne auch nur einmal beim Tanzen

Spaß zu haben. Aggressive, bis unter die Kopfhaut zugeschnuppte , aufgepumpte

Michelinmännchen. Bitte einfach wegmachen, dieses Gesocks, das nervt.

- Unsere Merchandisemitarbeiterin Mina, marrokanisch/spanischer Abstammung, ist als

„Kanakenschlampe“ beschimpft worden und hat sich eine Ohrfeige von einem

„Onkelzfan“ eingefangen. Für mich das Allerletzte. Erschießen das Arschloch.

- Einige Security Mitarbeiter von Fremdfirmen entsprachen leider ebenfalls dem oben

angesprochenen Klischee und bedienten dies auch noch nach Kräften. Hier hätte viel

stärker gesiebt werden müssen, was aber sicherlich im Zuge dieser monströs großen

Planung nicht möglich gewesen ist. Da es das letzte Konzert war, brauche ich nicht zu

sagen, dass man das beim nächsten Mal besser machen müsste, aber auch das hat

genervt.

- Die VIP-Tribüne war für mich nicht zu betreten, ohne dass alle zwei Meter jemand an

mir herumgezupft hat, entweder um sich über irgend ein lächerliches Problemchen zu

beschweren („die am Check-In Schalter wussten nicht in welchem Hotel ich wohne, das

habt Ihr ja echt scheiße organisiert“) oder um mich zuzutexten: „Hier Eddy, llhalaönaaga

geil bei Euch aöskdhfllnan nee, escht suppa, alhjlöjalöla“ und mir voll ins Ohr gespuckt

dabei und mich fest gehalten, auf so was stehe ich gar nicht. In beiden Fällen war ich zu

gestresst, um zuzuhören und habe fluchtartig das Weite gesucht.

- Der Graben war so tief, dass man nicht gut fotografieren konnte...

Das war´s dann aber auch schon. Mehr habe ich nicht zu meckern. Ich will nicht auf die

einzelnen Ansagen von Stephan eingehen, auch weil ich die meisten vergessen habe.

Stephan hat ja selbst einen kleinen Text für Euch in die News gestellt und seine Gefühle

noch einmal in Worte gefasst. Besser kann ich es sowieso nicht sagen, weil jede Sicht auf

dieses Ereignis subjektiv ist und ich glaube, dass die Betrachtung der Musiker viel

wichtiger ist als meine eigene. Ich lasse das jetzt so stehen und wiederhole mich noch

einmal, wenn ich sage, dass es das Größte war, was in diesem Land an Rock´n Roll

jemals zu sehen war, fucking history, aber ohne Scheiß. Vielleicht kommt der Tag, an

dem man all das noch einmal aufschreiben und Euch zugänglich machen muss, aber bis

dahin wird noch eine Menge BOB Eure Fankehlen hinunter geflossen sein. Für den

Moment bin ich so was von raus...

Gruss und Danke an die vielen Leute, die ich kennen lernen durfte. Ihr seid – ahja

ziemlich geil auf alle Fälle...

Ed

Ein paar Zahlen und Fakten dazu, damit die Gerüchteküche endlich aufhört, zu brodeln:

Es waren 110.000 Besucher an beiden Konzerttagen auf dem Ring, ca. 50.000 Leute

standen noch davor und wollten rein. Es gab keinen einzigen Toten auf dem Festival am

Lausitzring. Die Sanitäter haben ca. 3000 ärztliche Behandlungen durchgeführt. Vom

Insektenstich über Sonnenbrand bis hin zu 40 schwerwiegenden Verletzungen, die

vorübergehend in Krankenhäuser untergebracht werden mussten. Darunter befand sich

auch ein Besucher, der von einem Wohnmobil auf Z 4 überrollt wurde, allerdings keine

inneren oder schweren Verletzungen davon trug. Aber auch diese Besucher sind

mittlerweile alle wieder wohl auf. Ein Festivalbesucher wollte sich auf Z 3 vom Kran

stürzen, aber selbst diese heikle Situation konnte von Securitykräften professionell

entschärft werden und es erfolgte danach bei diesem Festivalteilnehmer eine Einweisung

in die Psychatrie.

Bereits am Montag danach wurde die Rennstrecke wieder ihrer eigentlichen Bestimmung

übergeben und am Mittwoch um 20 Uhr war das komplette Areal inklusive aller Zeltplätze

wieder sauber. 600 Tonnen Müll wurden dabei entsorgt, 350 Sattelzüge mit Material

wurden bewegt. 2 Millionen Liter Abwasser wurden während der Festivalwoche entsorgt.