2003

 

Das Jahr 2003 wird im Februar mit einer späten „Ehrung“ für DOPAMIN eingeläutet...

Zum zweiten Mal nach 2001 waren die Onkelz wieder mal für den Echo in der Kategorie „Beste Band Rock/Pop national“ – mit Szene-Koryphäen wie „Wonderwall“, den „No Angels“ oder „Bro´Sis“, dazu noch die Hosen. Natürlich war es weniger der Wertschätzung durch die Musikindustrie zu verdanken, als den wieder einmal sehr starken Verkaufszahlen der Onkelz, dass man in den „erlauchten Kreis“ aufgenommen wurde. Dass die Onkelz letztendlich sowieso nicht gewinnen, war jedem von vornherein klar... Da es von den Onkelz mal wieder keinen Clip gab, brach bei der zuständigen Produktionsfirma im Vorfeld der Sendung der Angstschweiss aus. „Was sollen wir denn bei Ihnen machen, ich meine, Sie haben ja keinen Clip...“ . Am Ende wurden dann vier Einzelportraits der Onkelz aneinander gereiht, dazu „Keine Amnestie...“ drüber gelegt und fertig. Nichts Außergewöhnliches und auch ansonsten keine Seitenhiebe von Seiten der Laudatoren oder Moderatoren. Immerhin... Aber wäre es anders gewesen hätte es – ganz ehrlich – auch niemanden interessiert. Elegant totgeschwiegen... Gewonnen haben dann übrigens die Hosen. Von den Onkelz war auf jeden Fall niemand in der Halle.

 

Im Frühjahr 2003 entschließen sich die Böhsen Onkelz dazu eine Clubtour in Deutschland zu spielen...

... Ursprünglich sollten auch Knäste auf dem Programm stehen. Die Band hielt es für eine gute Idee, einmal Konzerte für die Insassen von Strafvollzugsanstalten zu geben. Zunächst gab es einige Zusagen, die dann aber leider komplett abgesagt wurden, da Gefängnisleitungen und Stadträte Bedenken anmeldeten. Eine nette Sache, so sagte man den Onkelz, aber man könne sich keine Ausschreitungen innerhalb der Anstalten leisten. Enttäuscht wurden die Gigs gestrichen und weiter an dem Plan festgehalten, eine Clubtour zu organisieren. Gründe hierfür waren zum einen der Wunsch, einmal wieder in einem kleinen Club zu spielen, den direkteren Kontakt zu den Fans zu spüren und echtes, schwitzendes, enges Rock´n´Roll Feeling aufkommen zu lassen und zum anderen, sollten diese Clubgigs auch eine Art Aufwärmtraining für die kommenden Open Air Festivals werden. Die Clubtour im Juli 2003 durch Bremen (Aladin – 1800 Leute), Hannover (Capitol – 1800), Osnabrück (Hyde Park – 1500), Berlin (Music Hall – 900), Nürnberg (Hirsch – 800) und nach Pratteln in der Schweiz (Z 7 – 1700). Saunamäßige Temperaturen und höllisches Gedränge sorgten für eine unvergleichliche Stimmung im familären Rahmen, wobei die Fans aus Hannover und Pratteln (Basel) den hochfliegenden Vogel der Euphorie abschossen. Selten wurden die Onkelz von einer so kleinen Fangemeinde so heftig abgefeiert.

 

Vor das Open-Air-Vergnügen hat der liebe Gott die Vorband- Akquise gesetzt....

Bei „normalen“ Bands eine Frage von wenigen Wochen, die Nachwuchshoffnungen stehen Schlange, aber bei den Onkelz war das Ganze leider wie in der Vergangenheit wieder eine „Unendliche Geschichte“. Rund 20 Bands wurden vom BOM angefragt, immerhin mit der Aussicht auf 4 Konzerte mit zusammen rund 75.000 Zuschauern. Von einigen Gruppen kam gar keine Antwort, andere sagten erst zu, um wenige Stunden später mit dubiosen Begründungen wieder zurückzutreten. Man konnte hinter jeder Absage förmlich den Druck spüren, der teilweise von Seiten des Managements und des Umfelds auf die Musiker ausgeübt wurde. Man könnte sich mit einer Zusage ja alles versauen. So zog sich die Suche von Herbst 2002 bis in den Frühling 2003, bis dann schließlich drei Bands feststanden, die anfangs überhaupt niemand auf der Rechnung hatte, die aber sofort Feuer und Flamme waren, als wir ihnen anboten, bei den Open-Airs dabei zu sein. Das spricht für sich und auch die Reaktion der Fans auf den 4 Gigs zeigte, dass Pro-Pain, Sub7even und Biohazard keinesfalls nur „Lückenbüßer“ waren.

 

Ebenfalls im Juli spielen die Onkelz erneut in „Ferropolis“ und erstmalig auf dem berühmten Loreley-Felsen jeweils eine Doppelshow...

Ebenfalls im Juli spielen die Onkelz erneut in „Ferropolis“ und erstmalig auf dem berühmten Loreley-Felsen jeweils eine Doppelshow... „Ferropolis“ (die Stadt aus Eisen) ist der Name der abgefahrensten Konzertlocations in Deutschland. Unweit von Dessau und eine gute Stunde von Leipzig liegt das verschlafene Nest Gräfenhainichen. Dort befand sich noch vor 15 Jahren ein gewaltiger Braunkohletagebau. Mit dem Fall der DDR, fiel auch das lokale Braunkohlekombinat und übrig blieben nur die gewaltigen Bagger, die nun in einem Kreis aufgestellt, eine beeindruckende, postnukleare Mad-Max Konzert Venue bilden. Die Onkelz rockten hier bereits 2001 mit Rose Tattoo und auch in diesem Jahr war das Haus voll. 25.000 Fans am ersten und knapp 21.000 am zweiten Tag. Diesmal waren Sub 7even aus Dortmund, Pro Pain aus Brooklyn und Biohazard, ebenfalls aus Brooklyn mit dabei. Mit Sub 7even pflegt man ja bereits seit dem Benefizgig für die Opfer rechter Gewalt 2001 in Bremen und seit der Tour 2002 ein sehr lockeres freundschaftliches Verhältnis und Pro Pain konnte man bereits für das Open Air in Dieztenbach 1996 und die Viva los Tioz Tour 1998 verpflichten. Neu waren Biohazard, die genauso wie Pro Pain den New Yorker Hardcore Stil pflegen und dementsprechend losgeknüppelt haben. Auf alle Fälle bringen die Jungs eine Energie auf die Bühne, wie man sie nur bei wenig Bands sehen kann. Die Amis sind reise- und tourerfahren, hatten Auftritte bei „Rock in Rio“ und haben die größten Festivals der Welt gespielt und waren sich dennoch einer Meinung, so etwas wie die Onkelzfans haben sie noch nie gesehen. Nirgendwo auf der Welt, bei keiner Band, mit der sie zusammengespielt haben, gab es einen solchen besessenen und loyalen Fansupport, wie bei den Onkelz. Das wiederum hören die Onkelz gerne und gehen dementsprechend gut gelaunt auf die Bühne. Beide Ferropolis Konzerte verlaufen friedlich und ohne Zwischenfälle. Beschwerden über die „Abzockerei“ auf den Park- und Zeltplätzen werden jedoch laut und man kann nur hoffen, dass die Gemeinde Gräfenhainichen dieses Geld endlich in eine bessere Zufahrtsstraße investiert. Eine Woche später am 18./19. Juli absolvierten die Onkelz ihre Loreley Premiere und es hätte kein passenderer Rahmen sein können. 35°C und blauer Himmel, dazu hunderte Wohnmobile und Zelte, die die umliegenden Wiesen und Felder belagerten. Und das schon 5 Tage vor den Konzerten. 15.000 Fans je Show am Freitag und am Samstag unterstützten die Onkelz aus vollem Halse. 2,5 Stunden Onkelzpower, angeheitzt durch Sub 7even, Pro Pain und Biohazard. Eine fette Party in nettem Ambiente, wobei sich auch Vorbands, Support und Onkelz näher kamen. Pro Pain spielten hier zum ersten Mal ihre Version vom Onkelzhit „Terpentin“ was Stephan dazu veranlasste, spontan mit einem Mikro auf die Bühne zu springen und beim Singen auszuhelfen. Gefeiert wurde bis in die frühen Morgenstunden und die Loreley konnte als gelungenes Trainingskonzert für den anstehenden Rolling Stones Support verbucht werden. „Ihr seid besser als die Rolling Stones“, gesungen von den 15.000 anwesenden Onkelzfans ließ auf alle Fälle einiges für den 08.08.2003 erwarten.

 

Im Frühsommer 2003 gab es eine Anfrage von der „Deutschen Entertainment AG“ an das B.O. Management....

... ob man sich vorstellen könne, dass die Böhsen Onkelz die Rolling Stones während ihres letzten Gigs auf ihrer Deutschland Tournee in Hannover am 08. August supporten würden. Auch wenn diese Anfrage ziemlich überraschend kam, brauchten die Onkelz nicht lange über ihre Antwort nachzudenken. Wenn die Rahmenbedingungen stimmten, würde man sicherlich die Stones supporten. Stephan sagte einmal Mitte der neunziger, dass „Metallica“ die einzige Band der Welt sei, die er mit den Onkelz noch supporten würde. Damals hatte allerdings niemand daran gedacht, dass es jemals eine Anfrage der Rolling Stones geben könnte. In den darauf folgenden Interviews, sagte Stephan, dass er zwar nie ein großer Rolling Stones Fan gewesen sei, aber dass auch er schon zu „Angie“ in seiner Jugend Blues getanzt habe und dass er die Rolling Stones für die letzte große noch lebende Rock Band halte und man hier bei den Onkelz natürlich großen Respekt vor der Lebensleistung der Stones habe. Auch würde es sicherlich keinen Musiker geben, der sich eine solche Gelegenheit entgehen lassen würde und infolgedessen würde man die Stones auf alle Fälle in Hannover supporten. Allen Beteiligten im Onkelz Lager war jedoch sofort klar, dass es ein gefundenes Fressen für die Medien sein würde, sobald die Neuigkeit veröffentlicht werden würde. Auf Seiten der „Deutschen Entertainment AG“ und des Stones Managements wurde das „Onkelzproblem“ zunächst unterschätzt. So war es für die Onkelz auch nicht verwunderlich, als erst die englische, dann die amerikanische und kurz darauf auch die deutsche Presse loslegte. „German Nazi-Punkband to open for the Rolling Stones“ schrieb die New York Post am 2. Juni. Der Daily Mirror, CNN, die bbc und andere äußerten sich in ähnlicher Weise. So veröffentlichte zum Beispiel der „Jewish Telegraph“ in grotesker Übertreibung und totaler Fehleinschätzung der Fakten am 20. Juni einen Leserbrief: „... Evil Uncles have a following of an estimated 12 million in the nine-year-old upwards age group.“ Ein großer Aufschrei des Entsetzens und der Empörung ging von England aus über den Atlantik nach New York, danach zurück nach London und schließlich nach Deutschland und dort von den einschlägigen Presseagenturen bis in die Redaktionsräume auch der letzten, unwichtigsten und kleinsten deutschen Tageszeitungen. Kein Blatt, das sich nicht an der Skandalstory beteiligen wollte. Man muss wissen, dass die Rolling Stones in einer Position sind, in der sie ganz sicher nicht ihre Vorbands selber buchen, oder sich um die Auswahl dieser Bands kümmern. So war in diesem Falle die Deutsche Entertainment AG, als deutscher Veranstalter und Promoter der Stones Tournee dafür verantwortlich, als er auf die Böhsen Onkelz zuging. Die Stones pflegen die Tradition auf einem ihrer letzten Gigs in einem Land, einen lokalen, größeren Act zu buchen. Auch Peter Maffay oder die Toten Hosen haben schon in der Vergangenheit die Stones supportet. Der laute Medienaufschrei, als man die Onkelz verpflichtete, rief also auch schnell das Rolling Stones Management auf den Plan, das sich in der Historie der Onkelz bis dahin noch nicht auskannte. Schnell versuchten nun die Medien, sowohl in England, als auch in Deutschland, Druck auf die Stones auszuüben, indem sie bereits die Entscheidung der Stones in ihren Schlagzeilen vorwegnahmen: „Jagger not amused“ oder „Stones machen Böhse Onkelz salonfähig“ oder „Konzert ohne Böhse Onkelz“ oder „Rolling Stones wollen Onkelz aus dem Programm kicken“ und all das, bevor sich das Rolling Stones Management überhaupt geäußert hatte. Dort ging man mit dem ganzen Thema extrem entspannt um und Telefonkonferenzen zwischen den Managements beider Bands, der gemeinsamen Plattenfirma Virgin Records und dem deutschen Promoterbüro der „Deutschen Entertainment AG“ bestätigten, dass man an den Onkelz, nach eingängier Überprüfung der Fakten, festhalten würde. Auf einer Pressekonferenz anlässlich des Tourneestartes der Rolling Stones in München, sagte Mick Jagger schließlich vor rund 200 internationalen Journalisten, dass sie sich mit dem Thema befasst hätten und zu der Übereinkunft gekommen seien, dass die Böhsen Onkelz eine gute Band seien und man weiterhin zu ihnen als Support Act in Hannover stehen würde. Damit war das Thema für beide Bands zunächst einmal erledigt. Der NDR und auch T-Mobile, als Sponsoren der Veranstaltung in Hannover, kündigten ihre Verträge aus Angst vor einem Imageschaden und die Büros der „Deutschen Entertainment AG“ wurde mit Beschwerdemails von empörten Stonesfans bombadiert. Es fanden sich andere Sponsoren und die Stonesfans beruhigten sich ebenfalls schnell. Alles in allem wurde – wieder einmal – ein großer Wirbel um nichts, ein grenzenlos übertriebener Hype für eine Veranstaltung kreiert, die absolut friedlich verlief. Nichts von dem, was man im Vorfeld befürchtete trat ein. Es gab schlicht und einfach keine Gewalt und auch keine Probleme, Ausschreitungen etc. Eine große Party bei 36°C und unter blauem Himmel.

 

November 2003:
Goodbye Virgin - Hello SPV


Die Buschtrommeln waren schon seit dem Spätsommer zu hören und die Spatzen pfiffen es von den Dächern. „Die Onkelz werden Virgin Records verlassen“...

Die Buschtrommeln waren schon seit dem Spätsommer zu hören und die Spatzen pfiffen es von den Dächern. „Die Onkelz werden Virgin Records verlassen“. 8 Jahre lang dauerte die Freundschaft zwischen Virgin Records und den Onkelz. Insbesondere Virgin Chef Udo Lange, der damals 1995 den mutigen Schritt unternahm, die Onkelz unter Vertrag zu nehmen, hatte sich in den letzten 8 Jahren bei jeder Gelegenheit für die Onkelz stark gemacht. Oft musste er sich in den ersten Jahren für seine Entscheidung rechtfertigen und hatte somit viel Aufklärungsarbeit in Sachen Onkelz zu leisten. Das erfolgreiche Kapitel Onkelz-Virgin ging allerdings dem Ende entgegen, als der Virginvertrieb im Jahre 2002 endgültig von der E.M.I.-Gruppe eingestellt wurde. Auch die Tatsache, dass Udo Lange zum Deutschlandchef der E.M.I. ernannt wurde, konnte nicht recht über die Anonymität hinwegtäuschen, die plötzlich das Verhältnis zwischen Künstler und Plattenfirma trübte. Wie es bei den Onkelz aber in der Vergangenheit schon viele male der Fall war, kam auch diesmal der richtige Geschäftspartner zur richtigen Zeit daher. Die hannoveranische Independentfirma SPV bemühte sich um die Onkelz und sollte ab dem 1.11.2003 den Vertrieb der Onkelzscheiben üebernehmen. Dass Udo Lange seinen Job als Chef der E.M.I. ebenfalls zu diesem Datum kündigte, machte den Onkelz die Entscheidung nur noch leichter. Bei SPV einem gut organisierten und durchstrukturierten Vertrieb auf europäischer Ebenen, einem an keinen Industriekonzern gebundenen, unabhängigen Label, unterzeichneten die Onkelz zunächst für eine Veröffentlichung. Es ist aber zu vermuten, dass sich das Verhältnis zwischen den Onkelz und SPV gut entwickeln und sich die Band bei diesem Indi-Label wohl fühlen wird.