1998

 

Was bedeutet eigentlich "Matapalo"?

Die Presse ist 1998 genauso ahnungslos wie immer

1998 geht die Onkelzdiskussion munter weiter. Stephan, der sich inzwischen ein kleines Grundstück in Mittelamerika gekauft hat und dort zum surfen hinfliegt, schreibt ein surf-gitarren-inspiriertes friedliches Instrumental Stück mit dem Titel "Matapalo". Dass dieser spanische Name für die südamerikanische Würgefeige steht und dass es in Süd- und Mittelamerika viele Strände gibt, die so heißen, weiß die Presse allerdings nicht. Also kramen mehrere Journalisten, allen voran die dpa, ihren Langenscheidt heraus und siehe da: "matar" bedeutet töten und ein "palo" ist eine Latte, ein Kantholz oder eben ein Baum. Schon wird das friedliche Stück über die Würgefeige, über "den Baum der tötet" = "Matapalo" mit "Totschläger" übersetzt und schon werden die Musiker als "in die Jahre gekommene Plattenmillionäre mit Großgrundbesitz in Spanien" bezeichnet. Dieser eher lustige Ausrutscher der uninformierten Presse ist jedoch nur ein kleiner Zwischenfall im bizarren Gesamtbild der Medienlandschaft.

 

Zum ersten Mal auf Platz 1. der Charts

Mit "Viva los Tioz" toppen die Onkelz ihre Karriere und beziehen erneut musikalisch Stellung.

Als die Böhsen Onkelz im Herbst ihr dreizehntes Studioalbum "Viva los Tioz" veröffentlichen, platzt der Knoten. Die Scheibe verkauft über 300.000 Einheiten in den ersten 48 Stunden nach der Veröffentlichung und steigt von null auf Platz 1 in den Media Control Top 100 Longplay Charts ein. Ebenso steigt die Single "Terpentin" auf Platz 7 der Single Charts ein. Unangenehm für Radio- und Fernsehsender wie Viva und MTV, die in ihrer Chartshow keinen Nr. 1 Clip zeigen können, und sich mit unzulänglichen Anti-Onkelzstatements aus der Affäre zu ziehen versuchen. Unangenehm auch für große Ladenketten wie WOM, die ihre Chartregale erneut umsortieren müssen. Die Musikindustrie ist empört und verärgert, nicht nur über die 1 in den Charts, sondern auch darüber, dass die Onkelz aufgrund der hohen Verkaufszahlen für den "Echo" in der Sparte "beste Rockband national" nominiert werden. Ist die Nominierung noch von den Verkaufszahlen abhängig, so ist die Verleihung des Preises eine reine Symphatieangelegenheit und von daher, geben sich die Onkelz keinen Illusionen hin, dass sie den Preis jemals erhalten werden. Für den Fall einer unerwarteten Verleihung jedoch, entscheidet man sich bandintern bereits im Vorfeld für eine Ablehnung des Preises. Die 98er Tour, seit mehr als einem halben Jahr im Voraus ausverkauft, führt die Onkelz mit 26 Konzerten durch Deutschland und Österreich. Erstmals spielen sie auch in Bozen und Straßbourg. Besondere Erwähnung sollte hier der Song "Ohne mich" vom neuen Album finden, in dem sich die Band deutlich gegen die Diffamierungen von links und rechts äußert.

 

Pressestimmen im Jahre 1998, die für sich sprechen

Frage: "Ihr wart ca. 3 1/2 Jahre Skinheads. Was hat euch bewegt, die Szene 1986 endgültig zu verlassen?" Gonzo: "Genau dasselbe, was mit dem Punk passierte, wiederholte sich bei den Skins. Kommerz ohne Ende, diese Schuhe sind "in", diese Schuhe "out", usw... Außerdem haben damals viele rechte Parteien versucht, die Skins in ihr Lager zu ziehen, bei vielen erfolglos, aber eine neue Generation wuchs nach und wandte sich den Rechten zu. Wir hatten darauf keinen Bock." Frage: "1991 habt ihr auf euren Konzerten Flyer verteilt und im Booklet eurer CD "Wir ham' noch lange nicht genug" einen eindeutigen Kommentar zu eurer Einstellung gegeben. Was hat euch dazu veranlasst?" Gonzo: "Unser Bild in der Öffentlichkeit zum einen. Aber noch mehr Anlass waren die Rechten, die versuchten, uns vor ihren Karren zu spannen." aus "Spektrum", Schülerzeitung am Inda-Gymnasium, Aachen, Sommer '98 Frage: "Auf der neuen Scheibe ist ein textlich sehr interessantes Stück "Ohne mich", in dem Ihr Euch auch erstmals in einem Stück sowohl gegen rechte als auch linke Anfeindungen wendet." Stephan: "Es geht hier nicht um Linke im Allgemeinen, sondern um Linksextreme. Und da in erster Linie um die Antifa, die uns mehrfach extrem denunziert hat. Prinzipiell finde ich eine rechte Strömung beschissener als eine linke. Ich kann mich zumindest mit der linken Seite mehr anfreunden." Frage: "Ihr habt ja das Problem, dass Ihr trotz eindeutiger Ansagen Euer Fascho-Potential nicht so ganz loswerdet. Wie erklärt Ihr Euch, dass trotz konsequenter Stellungnahme diese Leute nach wie vor auf Euren Konzerten präsent sind?" Stephan: "Glücklicherweise können wir festhalten, dass das ein verschwindend geringer Teil ist. Ich gebe dir natürlich Recht, dass diese Leute auf den Plan gerufen werden. Genau erklären kann ich es mir nicht - ich denke, wir haben uns mehr als einmal klar zu diesem Thema geäußert und Stellung bezogen. Ich glaube, es ist dem letzten Idioten eigentlich klar, dass wir mit solchen Sachen nicht konform gehen. Nichtsdestotrotz kannst Du den Leuten, solange sie sich nicht eindeutig als Rechte zu erkennen geben, sprich durch Embleme, T-Shirts oder auch den Hitlergruß, ja nicht sagen: 'Du bist ein Fascho' Wir kennen die Leute hier ja nicht. Wir müssen darauf achten, dass solche Leute, die sich zu erkennen geben, nicht rein gelassen werden." aus "Hempels Straßenmagazin", Kiel, Oktober '98 Frage: "Eure rechtsradikale Vergangenheit bleibt an euch haften..." Stephan: "Wir sind jetzt Mitte Dreißig und das ganze liegt so weit hinter uns. Wir waren damals noch jung und dumm und haben uns keine Gedanken über irgendwelche Ideologien gemacht." Frage: "Habt Ihr nach wie vor die Art von Nationalstolz, den Ihr zum Beispiel in "Deutschland" von 1984 zum Ausdruck bringt?" Stephan: "Heute sind wir nur noch Patrioten, wenn Fußball gespielt wird. Leute, denen die Identifikation fehlt, verstecken sich hinter Nationalstolz. Wir wollen die Fans durch unsere Musik vereinen, ihnen eine andere Identifikation anbieten." aus "HNA Sonntagszeit", 18.10.98 Frage: "Textlich am interessantesten finde ich "Ohne mich", ein Lied über die Anfeindungen aus dem rechten und linken Lager..." Stephan: "Da muss man ein bisschen differenzieren, denn es geht hier nicht um Linke im allgemeinen, sondern um Linksextreme, speziell die Antifa. Es geht hier auch nicht darum, einen anti-faschistischen Kampf negativ zu bewerten, da ich einen solchen für absolut nötig halte." Frage: "Was kotzt Dich mehr an, Anfeindungen aus dem rechten oder dem linken Lager?" Stephan: "Prinzipiell finde ich 'ne rechte Strömung beschissener als eine linke, mit der ich mich dann doch mehr anfreunden kann. Die Argumente der rechten sind halt ziemlich doof." aus "Animalize", Okt./Nov. '98

 

Noch ein Interview, das nicht gesendet wurde

Inzwischen hat es sich zur gängigen Praxis entwickelt, Interviews, die die Band in einem guten und intelligenten Licht darstellen, einfach nicht zu senden.

Auch der Berliner Radiosender "Radio Fritz" schickt einen Redakteur, dem Stephan in der Lobby des Pelikan-Sheraton Hotels in Hannover nachts um 01:00 Uhr zwei Stunden lang Rede und Antwort steht. Der Redakteur Aditia Sharma stellt sehr intelligente Fragen und erhält von Stephan sehr intelligente Antworten. Warum das Interview nie veröffentlicht wird, soll bis zur nächsten Tour im Jahr 2000 ein Rätsel bleiben.

 

Und wieder mal MTV

Angelockt durch den ersten Platz in den Charts, schnüffelt MTV hinter der Bühne herum.

Aufgrund der hohen Verkäufe, ohne jede Werbung und aufgrund der ständigen Präsenz in der Presse, und der sensationellen Chartplatzierungen meldet sich im Laufe der '98er Tour, der Fernsehsender MTV erneut bei den Onkelz. Die sporadische Zusammenarbeit mit dem Sender geht bis 1994 zurück, als es mehrere Treffen mit Steve Blame gegeben hat. MTV wünscht sich einen Videoclip, den sie in ihrer Chartshow zeigen können. Stephan gibt ein längeres Interview, das für die Sendung "News Bulletin" zusammen geschnitten wird. MTV beteuert, dass, wenn es ein Video gäbe, sie es sofort zeigen würden. Die Onkelz bleiben skeptisch und entschließen sich nichts zu überstürzen.