1997

 

Kein Airplay, keine Videoclips, schlechte Presse und trotzdem in den Charts

Seit zehn Jahren ist die Band nun in der rechten Szene als "Verräter", "Motherfucker" und "linke Zecken" verrufen, während die linke Szene sie als "Nazischweine" bezeichnet. Seit zehn Jahren, weigert sich die Presse, die Bewusstwerdung der Böhsen Onkelz anzuerkennen. Eine Clownerie, die in der Musikgeschichte der Bundesrepublik ohne Beispiel ist. Seit siebzehn Jahren werden die Alben der Böhsen Onkelz nicht im Radio gespielt oder im Fernsehen durch Videoclips beworben und seit siebzehn Jahren wächst ihre Fangemeinschaft beständig an. Das "Live in Dortmund" -Video führt wochenlang die Videocharts an und das dazugehörige Doppel-Live Album verkauft über 300.000 Einheiten und steigt bis auf Platz 6 der Longplay Top 100. Nie zuvor hat es eine Band gegeben, die die deutsche Musikszene und den Handel in einer solchen Form durcheinander gebracht, die so viele unterschiedliche Meinungen provoziert hat. Böhse Onkelz Konzerte müssen kaum beworben werden und sind Monate im Voraus ausverkauft. Tonträger verkaufen sich in rasender Geschwindigkeit und stoßen regelmäßig in die Top Ten vor. Eine goldene Schallplatte für 250.000 verkaufte Einheiten ist längst nichts Besonderes mehr. Dennoch empfinden die Böhsen Onkelz es als enervierend und unverständlich, dass gerade die Öffentlichkeit, die sich zunehmend gegen rechte Gewalt zu organisieren versucht, nicht versteht, dass sie mit den Onkelz ein unglaublich wirksames Tool in der Hand haben könnte, um auf gefährdete Jugendliche einzuwirken. Gerade die Auseinandersetzung mit fremden Inhalten sind die Grundlagen demokratischer Prozesse, die in Deutschland den Jugendlichen jedoch nicht vorgelebt, sondern blanco von ihnen eingefordert werden.

 

Die Onkelz veröffentlichen ihre Biographie

Um den Gerüchten und Spekulationen über die Böhsen Onkelz ein für allemal den Boden zu entziehen, entscheidet sich die Band zur Veröffentlichung ihrer Biographie. Edmund Hartsch, ein Freund der Band, arbeitet in einer zwei-einhalbjährigen Schreibphase die siebzehn Jahre Bandgeschichte auf und veröffentlicht beim B.O. Management das Buch unter dem Titel "Danke für nichts" im Oktober 1997. Bis heute hat sich das Buch über 60.000 mal verkauft und gilt unter den Fans und interessierten Kritikern als das Standardwerk zum Thema. Auf 270 großformatigen Seiten und über 400 Abbildungen, wird der Weg der Band bis in das kleinste Detail nachgezeichnet und beleuchtet. Schonungslos wird hier die komplette Historie der Band aufgezeigt, Elternhaus, Jugend und Subkultur in Frankfurt, Kevins Drogensucht und der nie-endende Pressekrieg. Zu einer wirklichen Entspannung des Reizthemas "Böhse Onkelz" konnte das Buch allerdings nicht beitragen, weil es von den meisten Journalisten ungelesen blieb.

 

Provokateure bei Konzerten fliegen raus

Wie sich die Band auf der Bühne verhält und was tun bei Störungen?

"Heute findet das Konzert in einer ungeheizten Messehalle statt. Alle frieren sich beim Aufbau und backstage den Arsch ab. Die Story des Tages liefert Tourleiter Thomas Hess, der zwei Skins, die Ärger machen, nackt aus der Halle jagt." "Bei den ONKELZ kommt die Security heute ordentlich ins Schwitzen: Dauernd müssen Mädchen aus den ersten Reihen gezogen und den Rot-Kreuzlern übergeben werden. Darüber hinaus darf die Crew einige Skins (die mit den weißen Schnürsenkeln) raus schmeißen, weil sie ihren rechten Arm nicht unter Kontrolle haben - ein Problem, das bei den österreichischen Gigs im Gegensatz zu den deutschen immer wieder auftaucht. Gitarrist Gonzo platzt der Kragen, als ein Idiot in der ersten Reihe den Arm zum Hitlergruß hebt. Er springt in den Absperrgraben und schlägt dem Kerl kurzerhand seine Gitarre ins Gesicht. Hart, aber gerecht." aus "Rock Hard", 1/97, Tourtagebuch der 96er Tour Frage: "Du meintest, dass das Publikum im Osten noch nicht soweit ist. Diese Tour habt ihr nun doch in Schwerin gespielt. Ich war da und muss sagen, es war wirklich ziemlich scheiße. Werdet ihr auf der nächsten Tour die Neufünfländer wieder auslassen?" Stephan: "Das ist schwer zu sagen. Wir haben uns auch selbst geärgert, dass wir uns von denen haben provozieren lassen und ich glaube das ist genau das, was die Leute erreichen wollen. Aber auch jedes solcher Konzerte zeigt doch auch mal wieder, wie hart wir bei solchen Leuten durchgreifen und schreckt vielleicht das nächste Mal den einen oder anderen ab." aus "Bodystyler", Jan./Febr. 1997 Stephan: "Die Reps sind leider nicht die ersten, die die ONKELZ für ihre Zwecke missbrauchen, und da kann man natürlich nicht tatenlos zuschaun - zumal einige Leute ja auf die Idee kommen könnten, wir würden solche Veranstaltungen befürworten oder uns mit solchen Parteien solidarisieren. Wir haben keinen Bock, uns vor irgendeinen politischen Karren spannen zu lassen - und schon gar nicht vor einen rechten." aus "RockHard" 5/97, Statement zum Verbot der Rep-Veranstaltung "ONKELZ&Rave" Stephan: "Wir beobachten von der Bühne ganz genau, was sich im Publikum abspielt. Randalierer oder Leute, die rechtsradikale Gesten machten, werden von den Ordnern nach draußen befördert. Früher kam es schon mal vor, dass ich selber Hand anlegen musste, wenn jemand blöd wurde. Solche Leute haben bei uns nichts zu suchen, das sagen wir dem Publikum immer wieder." aus "MetalHammer" 9/97 Frage: "Dubiose "Republikaner-Parties", wo ohne euer Wissen - geschweige denn euer Einverständnis - mit dem Namen BÖHSE ONKELZ geworben wird, sind hoffentlich Einzelfälle, oder?" Stephan: "Ja, zum Glück. So was ärgert uns natürlich, aber man kann wenig dagegen tun. Im rechten Untergrund wird unser Name immer noch missbraucht, und wir hatten erst kürzlich wieder eine bandinterne Diskussion, wo es um dieses Thema ging. Wir haben schon das Gefühl, da noch mehr machen zu müssen, denn scheinbar lassen wir irgendwelchen rechten Vollidioten immer noch genügend Freiräume. Die finden immer noch Nischen, die es ihnen ermöglichen, Songtexte oder Aussagen von uns für sich auszulegen. Du wirst diese Idioten einfach nicht komplett los." Frage: "Diesen Eindruck hatte ich bei euren letzten beiden Konzerten in Dortmund, es gab auch offensichtliche Versuche von rechter Seite, das ganze zu unterwandern." Stephan: "Wir wissen, dass es immer noch Leute gibt, die uns politisieren und für sich auszunutzen versuchen. Ein ganz bestimmter Wichser aus der rechten Szene macht uns zum Beispiel immer wieder Ärger und brüstet sich sogar damit, demnächst eine Biographie über uns schreiben zu wollen." (Anm. Hier ist Thorsten Lemmer gemeint) Frage: "Inwieweit betrifft dich so was überhaupt? Hakst du das für dich ab, weil du wenig dagegen tun kannst?" Stephan: "Solche Sachen sind mir bestimmt nicht egal - aber ich kann auch nicht die Verantwortung für alle Vollidioten dieser Welt übernehmen - Terror in U-Bahnen oder ähnliches gibt es nach anderen Rockkonzerten auch - und was willst du als Musiker dagegen unternehmen? Wir haben uns ständig zu diesem Thema geäußert, wir haben es lang und breit jedem erklärt, und mittlerweile müsste auch der letzte Depp kapiert haben, dass die ONKELZ nicht mit irgendwelchen Faschos sympathisieren. Wir machen das auf unseren Konzerten sehr deutlich und werfen Nazis raus, wenn sie uns irgendwie auffallen." Frage: "Ich weiß natürlich, dass `Bomberpilot` an sich ein politisch wertfreier Song ist, und du hast ja auch eine entsprechende Ansage dazu gemacht, aber `Deutschland im Herbst` hätte ein klareres Zeichen gesetzt." Stephan: "Dass irgendwelche Hohlköpfe `Bomberpilot` für sich interpretieren oder falsch verstehen, dafür kann ich nichts." Frage: "Ihr habt ja auf der letzten Tour erstmals auch im Osten gespielt. Welche Erfahrungen habt ihr da gemacht?" Stephan: "Ziemlich durchwachsene. Das örtliche Publikum beim ersten Konzert war völlige ok, aber es waren Fasch-Glatzen aus Berlin da, die irgendwie in die Halle gekommen sind und da natürlich extrem negativ auffielen. Fast hätten wir das Konzert vorzeitig abbrechen müssen. Wir haben die Faschos dann rausgeschmissen, wobei die Sache etwas eskaliert ist. Aber das Publikum hat von sich aus "Nazis raus!" gerufen, als die Chaoten aus der Halle befördert wurden." aus "RockHard", 9/97 Frage: "Warum habt ihr später ins Skinhead-Lager gewechselt?" Gonzo: "Der Punk wurde zum Establishment. Die Rebellion hatte an Kraft verloren, also haben wir etwas Neues gesucht, mit dem wir provozieren konnten." Stephan: "Das war damals noch eine unpolitische, gemischte Szene." Frage: "Ende 1985 begann der Ausstieg aus der Skin-Szene. War es schwer da raus zukommen?" Kevin: "Es war eine Phase, die Zeit brauchte. Im Kopf musste sich nichts ändern, weil nichts abzulegen war." Stephan: "Niemand von uns musste eine braune Uniform ausziehen, weil wir sie nie anhatten. Es gab ein Schlüsselerlebnis: Wir besuchten den Auftritt einer befreundeten Band in Berlin. Zwischen den Songs haben die Zuschauer nichts anderes gerufen als "Ausländer raus!". Wenn es das bedeutete, ein Skinhead zu sein, hatten wir keinen Bock mehr drauf." aus "Metal Hammer", 12/97 Stephan: "Und da haben wir gesagt, wir können zu diesem Thema (Rostock, Moelln) nicht mehr schweigen, sondern müssen jetzt an die Öffentlichkeit gehen und müssen uns dazu äußern. Vor allen Dingen, damit uns unsere Fans nicht falsch verstehen und nicht denken, wir würden tatsächlich so etwas tolerieren bzw. könnten uns mit so etwas identifizieren." aus "Break Out", zum B.O. Interviewboykott von 1991, Dezember ´97 / Jan. ´98