1991

 

"Warum ändert Ihr nicht einfach Euren Namen?"

Schlecht recherchierte Artikel sind an der Tagesordnung und die Böhsen Onkelz stehen kurz vor dem Durchbruch

Die 91er Veröffentlichung, die erste LP bei Bellaphon, die den Titel "Wir ham' noch lange nicht genug" trägt, steht ganz unter dem Zeichen der Verarbeitung persönlicher Erlebnisse. Nicht nur wird dieses siebte Studioalbum dem ermordeten Freund "Trimmi" gewidmet, sondern man schreibt auch ein Lied für ihn "Nur die besten sterben jung", ein Lied für seinen Mörder "Ganz egal", ein Lied gegen die einflussnehmende und uninformierte Presse "Zeig mir den Weg" und ein Lied über die Sinnlosigkeit versoffener Tage "Wieder mal 'nen Tag verschenkt". Das Album verkauft über 100.000 Einheiten in wenigen Monaten. Während die Presse allmählich auf das Phänomen der "Onkelz" aufmerksam wird und ihre Popularität einzig und allein auf ihren "Kultstatus" in der Skinheadszene zurückzuführen versucht, werden gleichzeitig die Forderungen nach einer Namensänderung laut. Bisher hat die Band keinen Videoclip für einen Musiksender gedreht und findet im Radio nicht statt. Die Musikindustrie ruft öffentlich zum Boykott der Band auf und beginnt, massiv auf den Handel einzuwirken. Ziel ist es, die Band entweder mundtot zu machen oder aber unter einem anderen Namen mit möglicherweise englischen Texten neu zu erfinden. Angebote, die das bestätigen gibt es in größerer Anzahl. Die Band lehnt weiterhin jede Diskussion darüber ab und antwortet stattdessen mit ihren Songs. Es muss möglich sein, in Deutschland, so die Band, seine Meinung zu ändern, Fehler einzugestehen und geistig zu reifen. Bewusstwerdung soll zugestanden werden. Stephan und die Band sind fest dazu entschlossen, den Namen "Böhse Onkelz" zu einem Symbol des Umdenkens zu machen und sich dem Druck nicht zu beugen.

 

Böhse Onkelz live in Wien

Die Onkelz drehen ihr erstes großes Live Video in Wien und gehen gegen rechte Störer im Publikum vor

Ein Gig in Wien zum Jahresende '91 bringt 5000 Konzertbesucher in den Messepalast. Dieses Konzert wird von mehreren mobilen Kameras mitgeschnitten, um später ein VHS Verkaufsvideo von dem gefilmten Material erstellen zu können. Erstmals geht Stephan in Wien bereits vor dem Konzert auf die Bühne und macht eine Ansage an die Fans... Zusätzlich nimmt die Band einige Interviews auf, die der Metal Hammer Redakteur Rainer Funk mit der Band führt und die später in das Live Video integriert werden. Die Band entschließt sich, von nun an rigoros gegen Störer aus dem Publikum vorzugehen. Aufgrund der vielen Kameras in Wien gibt es von einem dieser Zwischenfälle Filmmaterial, das wir hier abgelegt haben. Auslöser des Zwischenfalls war ein Skingirl, das Stephans iranische Freundin vor der Bühne angepöbelt hat.

 

Zunehmende rechte Gewalt in Deutschland
 

Die Onkelz äußern sich...

Gegen Ende des Jahres '91 beginnt auch die Tagespresse verschärft damit, die Böhsen Onkelz in ihren Artikeln über rechte Gewalt zu erwähnen. Die Berichterstattung über die Band ist defizitär, lückenhaft und ungenügend. Daten, Fakten, Namen, Zahlen, alles wird bunt durcheinander geworfen und schlecht bis gar nicht recherchiert an die Leser verfüttert. In Radio, Fernsehen und Tagespresse wird die Band als schlimme "Nazi-Skin-Combo" dargestellt und es wird in den Medien zu öffentlichen Boykotten aufgerufen. Kein Radioairplay, keine Videoclips, keine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema "Böhse Onkelz". Eine objektive Berichterstattung findet nur vereinzelt in wenigen Rock Zeitschriften statt. Hier einig Zitate aus dieser Zeit: Stephan: "Wir haben uns letztendlich nie als rechte Band gesehen, oder uns als Angehörige der rechten Szene gefühlt." aus "Animalize" Nr.10, Oktober 1991) Frage: "Warum, glaubst du, fühlen sich so viele Rechtsradikale von euren Texten angesprochen?" Stephan: "Es wird immer Leute geben, die zu primitiv sind, um das Ätzende, die Ironie in unseren Texten richtig zu verstehen." aus "Wild Axes" Nr.4, Heavy-Metal-Magazin, Österreich, Oktober/November 1991) Frage: "Kommt bei euch jetzt das schlechte Gewissen raus?" Stephan: "Als es hier in Deutschland mit den Skinheads anfing, gab's keine rechte Szene in der Bewegung; es war eine Skinbewegung, die sich mehr zur Arbeiterklasse hingezogen fühlte, also mehr zur Mittelschicht, "working-class-kids" sozusagen. Wir haben größtenteils auch schwarze Musik gehört, Soul und Ska. Die Politik kam eigentlich viel später in die Bewegung, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo wir schon dabei waren - auch aus diesen Gründen - uns von dieser Bewegung zu distanzieren." aus "RockHard" Nr.55, November 1991)