1983

 

Oi ist noch nicht hart genug

1983 beginnen die Böhsen Onkelz von der Oi-Bewegung in die Skinheadszene zu rutschen. Sowohl Stephan, als auch Gonzo haben sich bereits den Schädel rasiert und Stephan schreibt die ersten Lieder, die sich explizit mit dem Thema "Skinhead" befassen. Der Ska-Einfluss ist zwar noch zu spüren, und auch der Bezug zur Arbeiterklasse, aber diese Einstellung wird aufgrund der politischen Einmischung in die Szene schnell verwässert.

 

Matrosen und Gelegenheitsjobs

Kevin beginnt 1983 seine Lehre als Schiffsmechaniker in Hamburg, ist bald als Matrose in Richtung Sibirien unterwegs und steht der Band nur sporadisch zur Verfügung. Gleichzeitig beginnt er, bedingt durch seine frühen Kindesjahre in Hamburg und durch seine Wochenendaufenthalte bei seiner Großmutter in der Hansestadt, in die radikale Hamburger Glatzen-Szene einzutauchen. Der Schritt von dort in die HSV-Fußball-Fan-Bewegung ist nicht weit.

Stephan, Gonzo, Pe
Stephan hält sich als inzwischen verheirateter Mann mit Gelegenheitsjobs über Wasser, während Gonzo seinen Wehrdienst bei der Marine in Norddeutschland absolviert und Pe als Schweißer arbeitet.

 

Das ominöse Demotape

Ebenfalls 1983 nehmen die Böhsen Onkelz ihr erstes offizielles Demotape auf, das später nur als das ominöse "Demo" traurige Bekanntheit erreichen soll. Auf diesem Demo befinden sich eine radikalere Version des alten Punkstückes "Türken raus" und eine veränderte Version des Oi-Stückes "Oi, Oi, Oi". Ab diesem Zeitpunkt muss man den Böhsen Onkelz eine Ausländerfeindlichkeit attestieren, die sich in großer Brutalität und Gewalt äußert und in radikalem Auftreten während ihrer seltenen und sporadischen Gigs. Hatte es 1981 nur 7 dilletantische Auftritte vor einem meist jugendlichen und vollalkoholisierten Punk-Publikum gegeben und hatte es 1982 nur 4 Auftritte vor einem ebenfalls jugendlichen und ebenfalls vollalkoholisierten Publikum gegeben, das man der Oi-Punk-Bewegung hätte zurechnen können, so waren es aufgrund der häufigen Abwesenheit von Kevin und Gonzo 1983 gerade mal 2 Shows, die man als erste Skinheadkonzerte werten muss. Im Sommer 1983 spielen die Onkelz einen Gig in einem berliner Bunker, der auch als Proberaum der rechten berliner Skinheadband "Kraft durch Froide" genutzt wird. Die Onkelz haben sich mit ihrem "Demo" bereits einen Namen in der Szene gemacht und sind nun ein fester Bestandteil der nach rechts treibenden deutschen Skinhead Bewegung.

 

Die beiden Skandal-Songs: "Türken raus" und "Deutschland den Deutschen"

Während dieses Gigs in Berlin '83 spielen sie zum letzen Mal den Song "Türken raus" und zum einzigen Mal den Song "Oi, Oi, Oi" der nun in "Deutschland den Deutschen" umbenannt wird und auch in dieser Version auf dem "Demo" zu hören ist. Die Zeile "Oi, Oi, Oi" wird in die Zeile "Deutschland den Deutschen" (eine Wahlkampfparole der NPD von 1980) abgeändert. Dort, wo es in der Oi-Version noch "Punks und Skins im Zusammenhalt gegen Euch und Eure Staatsgewalt" hieß, singt man nun "Skinheads im Zusammenhalt gegen Euch und Eure Kanakenwelt" und "bis jetzt haben immer die Bullen gesiegt" heißt in der neuen abgeänderten Version "bis jetzt haben immer die Kanaken gesiegt". Bei diesem Gig sind ca. 80-100 Leute anwesend. Die noch kleine Skinheadszene feiert die Onkelz als ihre Helden und die rechten Parteien sehen ihre Chance zur gezielten Einmischung.

 

Kevin als Übersymbol der Skinheadszene

Gerade Kevin tritt in dieser Zeit äußerst gewalttätig auf und versucht seine eigene Unsicherheit hinter gnadenloser Gewalt und bedingungsloser Provokation zu verstecken. Er treibt den Alkoholkonsum auf die Spitze und Schlägereien finden täglich statt. Oftmals lässt er sich von seinen Hamburger Freunden mitreißen und schnell wird aus der anfänglichen nicht zielgerichteten Gewalt ein glühender Hass gegen alles Fremde.

Man muss hier darauf hinweisen, dass Kevin zu diesem Zeitpunkt ein sehr leicht zu beeinflussender Mensch ist, dem es wesentlich an Selbstvertrauen und Einsicht mangelt und der der Meinung ist, dass andere Menschen an seinem zerstörten Familienhaus und an seinen persönlichen Problemen Schuld sind. Seinen Äußerungen und seinem Handeln mangelt es ebenfalls an jeglichem intellektuellem oder ideologischem Hintergrund und so reichen sie für eine Zuordnung in ein politisches Lager nicht aus. Ausländerfeindlich, brutal und gewalttätig ist er jedoch allemal, was ihm oft einen Streit mit den anderen Bandmitgliedern einbringt, die der Meinung sind, dass das Skinheadsein sich nicht auf Gewalt und Härte beschränken sollte. Seine Zerstörungswut drückt sich zunächst in seinen Schlägereien und seinen Tattoos aus, die er sich selber sticht und später auch in seinem Alkohol- und Drogenkonsum der bald in Autoaggression und Sucht umschlägt.

 

Kevin im Fernsehen

Ende 1983 zeichnet das ZDF eine Folge der Serie "Kinder Kinder" auf. Der Beitrag mit dem Titel "Von allen guten Vorbildern verlassen" schildert die täglichen Probleme einer allein erziehenden Mutter von drei Söhnen in Frankfurt. Zwei ihrer Söhne, Ben (16) und Jockel (13) sind Skinheads. Gezeigt wird eine Skinheadparty in Bens Keller zu deren Gästen auch Kevin Russell gehört.

Am 26.01.1984 strahlt das ZDF den Beitrag aus der Reihe "Kinder Kinder" aus. Dieses Filmdokument mit einem Statement von Kevin ist das älteste, noch erhaltene Filmmaterial, auf das wir hier im Onkelz Archiv zurückgreifen können.