1981

Türken raus

Entgegen vieler Behauptungen, die Böhsen Onkelz hätten ihren Skandalsong "Türken raus", der ihnen bis heute angelastet wird, als Skinheadband geschrieben, muss hier darauf hingewiesen werden, dass "Türken raus" einer der ersten Songs im Repertoire gewesen ist und auf die Zusammenstöße zwischen den Jugendlichen verschiedener Kulturen in den Frankfurter Vororten zurückzuführen ist. Dass die Böhsen Onkelz in den nächsten 5 Jahren eine ausländerfeindliche Haltung annehmen, ist dagegen unbestritten und soll hier nicht unerwähnt bleiben.

 

Die ersten Auftritte
 

1980 steigen die Böhsen Onkelz während vieler Wochenendfahrten nach Frankfurt in die dortige Punkszene ein und machen sich schnell einen Namen als asoziale, authentische Punkband. Zusätzlich muss erwähnt werden, dass gerade in Frankfurt, aufgrund der "Startbahn-West-Krawalle" und der blühenden Punkbewegung eine allgemein aggressive Stimmung herrscht. Die "Hippies" und die "Alt 68er" gelten den Punks als Feindbild Nr.1. Diese Frankfurter Punkbewegung konzentriert ihre Aktivitäten auf mehrere Orte, die Hauptwache und den Goetheplatz in der Innenstadt, den Flohmarkt am Eisernen Steg, die "Batschkapp" (ein alternativer Veranstaltungsort, wo viele Punkkonzerte stattfinden) und das Jugendzentrum Bockenheim.

20.02.'81 erster dokumentierter Auftritt im Juz Bockenheim mit Incapables, Mutation und Kreppelkaffee.

08.05.'81 zweiter dokumentierter Auftritt im Juz Bockenheim mit Boopy Traps, Middle Class Fantasies und Antikörper.

Von diesen beiden ersten Gigs gibt es leider kein Foto- oder Audiomaterial. Erwähnung finden die Böhsen Onkelz während dieses frühen Stadiums lediglich in lokalen Fanzines und Undergroundpublikationen.

 

Matthias "Gonzo" Röhr

Der Gitarrist der Frankfurter Punkband "Antikörper" heißt Matthias "Gonzo" Röhr, zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt. Gonzo spielt seit 6 Jahren Gitarre und wird von den Böhsen Onkelz abgeworben. Bereits einen Monat später tritt er den Böhsen Onkelz bei und komplettiert das Line Up der Band. Matthias Röhr ist der älteste von vier Brüdern und die Familie Röhr wechselt häufig den Wohnort im Raum Frankfurt. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater, der zunächst ein Lebensmittelgeschäft betreibt, übernimmt 1965 einen Kiosk in Frankfurt Bockenheim und 1974 eine Wirtschaft, wo später auch die Mutter ganztags arbeitet. Der Familienhintergrund der Röhr's ist bieder-katholisch-streng. Matthias Röhr beginnt bereits mit zwölf Jahren Gitarre zu spielen und orientiert sich in seiner Jugend an Blues- und Soulgitarristen, bis ihn der Punkrock erwischt und auch er ab 1980 in die Frankfurter Punkszene einsteigt. Sein Spitzname "Gonzo" geht auf seine glühende Verehrung für den amerikanischen Gitarristen Ted Nugent und dessen Live Album "Double life Gonzo" Ende der siebziger Jahre zurück. Bis er in die Frankfurter Punkszene einsteigt hat er zuvor in mindestens 5 anderen Bands gespielt. Zunächst spielt "Gonzo" bei den Böhsen Onkelz Bass, Stephan Weidner die Gitarre, Kevin Russell übernimmt den Gesang und Peter Schorowsky das Schlagzeug.

 

Noch mehr Punk

Während der ersten zwei Jahre spielen die Böhsen Onkelz 4 Gigs im Juz Bockenheim. Ihr Repertoire beinhaltet neben "Türken raus" noch einige typische Punksongs, "Bullenschwein", "Hinein in das schäumende Bier", "Schöner Tag", "Deutsche Welle", "Bruno Baumann" und andere. Gonzo bringt als erster eine gewisse, rudimentäre Professionalität in die Band, in dem er die Songs durch sein Können erheblich aufwertet. Aus dem anfänglichen Gegröle werden nun richtige Punksongs, die vom meist jungen Publikum auch so verstanden und aufgenommen werden.
Der Punk, als solcher findet zwar in den einschlägigen Musikzeitschriften seine Erwähnung, aber der Focus der Berichterstattung liegt ausschließlich auf den "großen" und "bekannten" Bands, die zumeist aus England kommen. Gleichzeitig wird in Deutschland die "neue deutsche Welle" etabliert. Weniger aggressives Songmaterial mit deutschen Texten, das in seiner Beliebigkeit und seiner "Softheit" dem Punk das Wasser abgräbt. Während NDW-Bands wie Fehlfarben, DAF oder Ideal das Rampenlicht auf sich ziehen, haben es die authentischen Punkbands wie Slime, Abwärts, die Böhsen Onkelz oder ZK schwer. Ihre Popularität ist begrenzt und beschränkt sich auf ihren Herkunftsort. Die Fans rekrutieren sich ausschließlich aus der lokalen Punkszene. Nur mühsam erspielen sich diese Bands einen größeren Hörerkreis, der sich auf das gesamte Westdeutschland erstreckt. Hilfreich hierbei sind lokale "Fanzines", kleine, zusammengebastelte Heftchen, die die "Szene" mit all ihren Konzerten, Skandalen und Ausschreitungen beschreiben. Jede größere westdeutsche Stadt mit einer Punkbewegung, hat auch mindestens ein Fanzine. In Frankfurt gibt es zu Beginn der achtziger Jahre 3-4 verschiedene Fanzines, von denen "Primitiefes Leben" von Patrik Orth das bedeutendste ist. Die Böhsen Onkelz sind gegen 81/82 ein wesentlicher Bestandteil der Frankfurter Punkbewegung, ihre sporadischen Konzerte und Auftritte jedoch, finden ausschließlich in "Primitiefes Leben" Erwähnung.

 

"Fanzines" die frühen Medien

...aus "Primitiefes Leben" Nr. 2, Fanzine von Patrick Orth, Frankfurt, Juli '81
"Es kam dann noch zu 'nem Zwischenfall. An diesem Abend war auch Kaiser wieder anwesend. Er spazierte vor die Bühne, als grade BÖSE ONKELS spielten und der Gitarrist von B.O. schnappte sich das Mikro und sang hinein "Nazis ins KZ, das wär' so furchtbar nett" oder so ähnlich."
(Zur Erklärung muss hier angeführt werden, dass "Kaiser" ein stadtbekannter Faschoskin war, der sich gerne auf Punkkonzerten in Frankfurt sehen ließ und von allen Punks gehasst wurde.)

 

Punk in Frankfurt

Während bereits die "Rock'n'Roll"- Bewegung der fünfziger und die "Flower Power"- Bewegung der sechziger von der Presse per se als gefährlich, drogenverseucht, aufwieglerisch, anachistisch und verurteilenswert dämonisiert wurde, ist es mit der Punkbewegung Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre nicht anders. Die Punkbewegung, von England kommend, wird in der Presse, als das "Schlimmste" bezeichnet, was der Jugend in Deutschland überhaupt passieren kann. Die politische Linke wittert eine Chance und beginnt massiv die Punkszene zu infiltieren. Althippies und Anarcho-Veteranen der siebziger Jahre beginnen in der deutschen Punkszene aktiv zu werden, nicht ohne Erfolg. Die Gesellschaft und die Musikindustrie vermarktet die Neue Deutsche Welle als die handzahme und weichgespülte Version des Punk in immer groteskeren Varianten. Während die Musikindustrie im Wochentakt ein neues One-Hit-Wonder unter dem Ettikett "Punk" auf die ahnungslose Hörerschaft loslässt, wenden sich bundesweit die hartgesottenen und kampferprobten Punks angewidert ab.

 

Onkelz in der Batschkapp

Die Böhsen Onkelz bestreiten im Sommer/Herbst zwei Konzerte in der ausverkauften Batschkapp und werden vom Frankfurter Fanzine "Primitiefes Leben" als die Punkband der Stunde gefeiert. Ebenfalls 1981 veröffentlicht die Band ein erstes "semi-offizielles" Demotape in schlechter Qualität, auf dem unter anderem auch der Skandalsong "Türken Raus" zu hören ist. Zu dieser Zeit gilt der Song noch als Lachnummer. Dass es zu dieser Zeit mit der Ausländerfeindlichkeit noch nicht weit her ist, wird auch dadurch deutlich, dass die Band am 14.11.1981 im "türkischen Familienzentrum" am Wiesenhüttenplatz in Frankfurt einen Gig spielt. Das Demotape macht jedoch in einer geringen Stückzahl die Runde und sorgt dafür, dass die Böhsen Onkelz auch über die Grenzen Frankfurts hinaus, bekannt werden. Schlägereien mit ausländischen Jugendlichen, mit "Poppern", "Mods" oder "Wavern", kurz mit allem, was nicht Punk ist, finden täglich statt. Während die "neue deutsche Welle" ihren Siegeszug antritt und sich über mangelndes Radioairplay nicht beklagen kann, zerfällt die Punkbwegung zum Jahreswechsel 81/82. Viele Punks lassen sich von der linken Argumentation vereinnahmen und beginnen sich politisch zu organisieren, andere stehen fassungslos daneben. Wieder andere steigen ganz aus und werden "normal".

 

Punk wird lahm

Die Böhsen Onkelz, in ihrer ganzen asozialen Anrüchigkeit und Authentizität schauen mit einem Auge auf den Haufen Scherben, den die zersplitterte Punkbewegung hinterlassen hat, mit dem anderen Auge nach England, wo sich ein neuer Trend abzeichnet. Wie immer gelangt auch diesmal eine neue Bewegung zeitversetzt nach Deutschland. Das Zauberwort heißt "Oi"!
Zum Jahreswechsel 81/82 fahren die Böhsen Onkelz nach Berlin, um beim linken Label "Aggressive Rockproduktionen" von Karl Walterbach (heute "Noise"-Label) zwei Stücke für den "Soundtrack zum Untergang" Vol. II einzuspielen. Während dieser Aufnahmen, die mehr als chaotisch verlaufen, wechseln Gonzo und Stephan die Instrumente. Die endgültige Formation der Böhsen Onkelz steht und wird bis heute beibehalten. Ebenfalls sind auf dem "Soundtrack zum Untergang" Vol.II deutsche Underground Punkbands wie "Normahl", "Blitzkrieg", "Neurotic Arseholes", "Notdurft" und andere vertreten.
Seit den späten neunziger Jahren, ist diese Compilation als CD wieder im Handel erhältlich. Obwohl man die Böhsen Onkelz auf dem Booklet nicht erwähnt, sind die beiden Songs "Hippies" und "Religion" immer noch auf dieser Veröffentlichung zu hören. Eine Lizenzabrechnung von Karl Walterbach hat es bis heute nicht gegeben.